Urologische Notfallsituationen


  1. Steinkolik
  2. Urosepsis
  3. Harnverhalt
  4. Makrohämaturie (Blutiger Urin)
  5. Akutes Skrotum
  6. Priapismus
  7. Paraphimose

1. Steinkolik

Eine Steinkolik ist eine krampfhafte Kontraktion des Harnleiters, die mit wehenartigen Schmerzen, eventuell auch Übelkeit, Erbrechen, Schweißausbruch und Schocksituation einhergehen kann. Steinkoliken entstehen durch einen vollständigen oder unvollständigen Verschluß des Harnleiterlumens durch ein Konkrement. Die Schmerzlokalisation ist von der Lage des Konkrementes abhängig. Hochsitzende Konkremente haben ihr Schmerzmaximum in der Flankenregion. Bei tiefersitzenden Konkrementen ziehen die Schmerzen zum Leistenregion, beim Mann bis zum Penis, Damm und Hodensack, bei der Frau in das kleine Becken und häufig in die Oberschenkel.
Diagnostik: Urinuntersuchung, Ultraschalluntersuchung, Röntgenuntersuchung
Therapie: Schnelle und effektive Beseitigung des Schmerzes durch die Gabe von Schmerzmitteln. Manchmal ist eine Entlastung einer Harnstauungsniere mittels perkutaner Nephrostomie (Urinableitung aus der Niere mittels Katheter durch die Haut) oder Ureterkatheter (Harnleiterschienung) erforderlich.

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2. Urosepsis

Als Urosepsis wird eine lebensbedrohliche Erkrankung bezeichnet, deren Ursache ein Übertritt von Bakterien (Toxinen) aus dem Harntrakt in die Blutbahn ist (Bakteriämie). In der Laiensprache wird diese Entzündung auch als Blutvergiftung bezeichnet. Als Auslöser kommen folgende urologische Erkrankungen in Betracht:
  • Abflusstörung der ableitenden Harnwege (z. B. Harnleiterstein, Blasenentleerungsstörung)
  • Organentzündungen (z. B. Nierenentzündung, Prostataentzündung, Nebenhodenentzündung)
  • Organabszedierungen: Nierenabszeß, Prostataabszeß, Nebenhodenabszeß
Besonders gefährdet sind alte, abwehrgeschwächte Patienten und solche mit Begleiterkrankungen, wie Diabetes mellitus, malignen Tumoren, Tuberkulose oder Patienten unter Immunsuppression (Unterdrückung oder Abschwächung der Abwehr gegen Infektionskrankheiten).
Bei Patienten mit Urosepsis besteht häufig hohes Fieber und Schüttelfrost. Eine Tachykardie (Anstieg der Herzfrequenz) und Tachypnoe (beschleunigtes Atmen) werden ebenso beobachtet wie ein Blutdruckabfall. Die Urosepsis kann zum Funktionsausfall lebenswichtiger Organe führen und ist in ca. 50 % der Fälle tödlich.
Diagnostik: Ganz wesentlich ist die Suche nach dem Ausgangspunkt des Infektionsgeschehens. Neben der klinischen Untersuchung sowie der Urinanalyse und der Bestimmung der Blutwerte ist die Durchführung einer Sonographie von wesentlicher Bedeutung. Zusätzlich sollte bei unklaren Befunden im Bereich der Niere mittels einer computertomographischen Untersuchung eine weitergehende Diagnostik erfolgen.
Therapie: Die möglichst schnelle Beseitigung der Ursache, d.h. die Herdsanierung, ist für die erfolgreiche Behandlung einer Urosepsis unbedingt erforderlich. Gleichzeitig muss eine breit angelegte antibiotische Therapie erfolgen. Gelegentlich tritt nach der Herdsanierung kurzfristig eine weitere Verschlechterung des Allgemeinzustandes des Patienten ein, evtl. mit Ausprägung eines septischen Schocks (akut einsetzendes, fortschreitendes generalisiertes Kreislaufversagen). Eine intensivmedizinische Überwachung und Therapie ist deshalb notwendig.

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3. Harnverhalt

Beim Harnverhalt handelt es sich um eine Blasenentleerungsstörung. Dabei kommen als Ursachen verschiedene Formen der Blasenhals- und Harnröhrenobstruktion in Betracht (z. B. Prostataadenom, Prostatakarzinom, Blasentumor, Harnröhrenstriktur, Harnröhrentumor, Fremdkörper in der Harnröhre, Phimose). Beim akuten Harnverhalt kann die Harnblase willentlich nicht mehr entleert werden. Es werden starke Schmerzen im Unterbauch angegeben. Die Blase ist prall mit Urin gefüllt, es besteht starker Harndrang.
Diagnostik: Häufig fällt eine Vorwölbung im Unterbauch auf. Die sichere Diagnose kann problemlos sonographisch gestellt werden.
Therapie: Die Therapie besteht in der sofortigen Blasendrainage durch sterilen transurethralen (durch die Harnröhre) oder suprapubischen (durch die Bauchdecke) Katheterismus.

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4. Makrohämaturie (Blutiger Urin)

Unter Makrohämaturie wird eine mit dem bloßen Auge erkennbare Blutbeimengung verstanden; für weitere Unterteilung benutzt man die Begriffe schmerzhafte und im Gegensatz hierzu die schmerzlose Makrohämaturie. Häufigste Ursache einer Hämaturie mit Schmerzsymptomatik ist die akute Zystitis (akute Harnblasenentzündung). Eine schmerzlose Makrohämaturie weist auch häufig auf einen malignen Tumor des Harntraktes hin. Eine massive Makrohämaturie kann zur Blasentamponade führen, d. h. das Harnblasenlumen ist mit Blutkoageln ausgefüllt.
Diagnostik: klinische Untersuchung, Blutbildkontrolle, Urinsediment. Durch die Messung von Blutdruck und Puls wird eine kreislaufbeeinträchtigende Hämaturie erkannt. Die Untersuchung des Urinsedimentes und ggf. eine bakteriologische Urinuntersuchung können den Nachweis eines Harnwegsinfektes erbringen. Weitergehende diagnostische Maßnahmen sind Ausscheidungsurogramm (Röntgenkontrastdarstellung der Nieren und ableitenden Harnwege) und Urethrozystoskopie (Spiegelung der Harnröhre und Blase).
Therapie: Die Therapie bei Makrohämaturie orientiert sich an der zugrunde liegenden Erkrankung. Als Erstmaßnahme steht die Kreislaufstabilisierung im Vordergrund. In Abhängigkeit von der Stärke der Blutung wird eine Blasenspülung über einen Dreiwegekatheter erforderlich. Bei der schmerzhaften Makrohämaturie besteht die Primärtherapie in der Schmerzbekämpfung, bei Nachweis einer Harnwegsinfektion zusätzlich in der Applikation von Antibiotika.

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5. Akutes Skrotum

Bei dem sog. "akuten Skrotum" handelt es sich um einen kurzfirstig einsetzenden, starken, meist einseitigen Schmerz im Skrotum (Hodensack). Gewöhnlich wird dieser Schmerz von Allgemeinsymptomen wie Übelkeit und Erbrechen begleitet. Die betroffene Skrotalhälfte ist gerötet, verdickt und extrem druckschmerzhaft.

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5.1 Hodentorsion

Spontan oder durch plötzliche Bewegungen kommt es zu einer Torsion des Samenstranges. In Abhängigkeit vom Ausmaß der Torsion wird die Blutzufuhr zum Hoden unterbrochen. Sie wird am häufigsten zwischen dem 15. und dem 20. Lebensjahr beobachtet oder bei Kleinkindern vor dem 2. Lebensjahr. Es handelt sich hier um einen absoluten Notfall und es ist eine sofortige ärztliche Betreuung erforderlich.
Diagnostik: Bei der Inspektion ist meist ein Hochstand des betroffenen Hodens zu erkennen. Bei der Untersuchung des Hodens gibt der Patient eine extreme Druckschmerzhaftigkeit des Hodens und Samenstrangs an. Die Doppler-Sonographie und die Hodenszintigraphie haben sich als Hilfe für die Differentialdiagnose des akuten Skrotums bewährt.
Therapie: Wenn der Beginn der Symptomatik noch nicht lange (weniger als etwa 4 Stunden) zurückliegt, ist der Versuch einer manuellen Retorquierung des Hodens gerechtfertigt. Gelingt dies nicht, ist auch bei unklarem Befund stets die unverzügliche notfallmäßige operative Hodenfreilegung indiziert.

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5.2 Akute Epididymitis (Nebenhodenentzündung)

Im Gegensatz zur Samenstrangtorsion nimmt die Schmerzsymptomatik bei der akuten Epididymitis langsam zu. Die Schmerzanamnese beträgt Stunden bis Tage. Als Allgemeinsymptome können Fieber und Schüttelfrost auftreten. Meistens sind vor allem ältere Männer und kleine Jungen betroffen.
Diagnostik: Rötung und Schwellung des Skrotums, Ultraschalluntersuchung, Urinuntersuchung, Laborchemisch-Entzündungszeichen
Therapie: Im Vordergrund der therapeutischen Maßnahmen steht die Verabreichung von Antibiotika. Mehrere supportive Maßnahmen ergänzen das Behandlungskonzept: Bettruhe, Hochlagerung und Kühlung des Skrotums.

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5.3 Orchitis (Hodenentzündung)

Bei der Orchitis kommt es zu einer gewöhnlich langsam beginnenden schmerzhaften Skrotalschwellung, die auch beidseitig auftreten kann. Häufig im Rahmen einer Mumpserkrankung.
Therapie: Eine spezifische Therapie der viral bedingten Orchitis ist nicht bekannt. Die konservative Behandlung besteht in Bettruhe sowie lokalen Maßnahmen wie Hochlagerung und Kühlung des Skrotums.

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5.4 Epididymoorchitis

Eine relativ seltene Erkrankung. Nebenhoden und Hoden sind entzündlich verändert.
Diagnostik und Therapie: ähnlich wie bei einer akuten Epididymitis.

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6. Priapismus

Der Priapismus ist eine anhaltende, schmerzhafte Erektion (Gliedsteife) ohne sexuelle Stimulation, die sich spontan nach mehr als 2 Stunden nicht zurückbildet. Man unterscheidet den idiopathischen Priapismus, bis 70 % aller Fälle (ohne erkennbare Ursache entstanden) von sekundären Formen des Priapismus mit bekannter Ursache (Urologische Vorerkrankungen, Bluterkrankungen, neurologische Erkrankungen, Gefäßerkrankungen, Penis- und Dammverletzungen). Bei langanhaltendem Priapismus kommt es zur Impotenz.
Therapie: Therapeutisch stehen konservative und operative Maßnahmen zur Verfügung.

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7. Paraphimose

Bei dieser auch "spanischer Kragen" genannten Erscheinung ist die hinter der Eichel zurückgezogene relativ enge Vorhaut infolge Lymphstauung stark angeschwollen und lässt sich nicht mehr ohne weiteres nach vorn über die Eichel streifen. Dabei besteht die Gefahr auf eine Eichel-Nekrose.
Diagnostik: Bei der Inspektion findet sich das typische schmerzhafte Vorhautödem.
Therapie: Die Therapie ist meist konservativ erfolgreich. Nach lokaler Applikation eines Oberflächenanästhetikums erfolgt die manuelle Kompression der Eichel und danach wird die Vorhaut über die Eichel reponiert. Nach Abklingen der akuten Entzündungsphase ist die Zirkumzision (Beschneidung) indiziert.

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